Sie sind hier: AFS-Komitee Hannover > Das Komitee > Erfahrungsberichte > Deike La dolce vita

La dolce vita

Deike

So ein Auslandsjahr ist eine merkwürdige Sache. Als wärest du betrunken, siehst du alles doppelt. Du bist so weit weg von deiner Heimat, und doch zu Hause. Du hörst wenig von deiner Familie; und doch lebst du jeden Tag mit ihr. Du siehst deine Freunde nicht mehr täglich in der Schule, und doch sitzt du in der Klasse neben ihnen. Hört sich verwirrend an. Ist es auch.

 

"Pip pip pip! Pip pip pip!" Es ist sieben Uhr morgens, der Wecker klingelt. Mein typisch italienischer Alltag beginnt. "Mamma Teresa" kommt ins Zimmer: "Guten Morgen ihr Süßen! Aufstehen, der Kaffee ist fertig!" "Hm?" murmeln meine Schwester und ich im Chor und drehen uns doch noch einmal auf die andere Seite. Meine Schwester ist eigentlich gar nicht meine Schwester. Ich bin im Süden Italiens, im wunderschönen Apulien. Weit weg von meiner Heimat, und doch zu Hause. Meine Gastmama kommt das zweite Mal herein: "Los, ihr verpasst sonst wieder den Schulbus!" Das stimmt, es kommt nicht gerade selten vor, dass wir den Bus ohne uns abfahren sehen; manchmal sehen wir ihn noch nicht mal mehr. Wir stehen also auf, kippen den Kaffe runter und werden gleich etwas munterer. "Guten Morgen Schwesterchen", Alessandra, meine Gastschwester verschwindet im Bad, während ich eine Hose und einen Pulli aus dem Kleiderschrank suche. Fix die Treppe runter gerannt, wo ein Glas Milch und die leckeren Frühstücks-Kekse auf mich warten. Ob Kaffe oder Cappuccino, Kekse oder Cornetto: das Frühstück ist immer süß. Brot schon am frühen Morgen ist für die Italiener unvorstellbar! Lieber lassen sie es ganz weg, woran ich mich auch schnell gewöhnen musste. Der Weg zur Bushaltestelle ist lang und die Zeit knapp. Völlig gehetzt kommen wir also dort an und schon kommt auch der Bus; perfektes Timing (falls dies nicht der Fall sein sollte, steht ein zweites Frühstück in der Bar an). Im überfüllten Bus treffen wir auf Freunde und erzählen von den verrücktesten Träumen der vergangenen Nacht oder lesen noch einmal die Stichpunkte für die mündliche Prüfung, die es hier regelmäßig gibt, durch. Angekommen in Cerignola, verabschiede ich mich von Alessandra und hetze zur Schule; die Bushaltestelle liegt entfernt von ihr. "Wei tedè" werde ich grinsend begrüßt, "Hey Deutsche!". Ich grinse zurück: "Hey Blödi!" Ich habe gerade angefangen, meiner besten Freundin alle Neuigkeiten zu erzählen, da kommt schon Maria, die "Bandinella" (Bandinella sind Assistenten, die in jedem Trakt der Schule zu finden sind; sie putzen die Klassen, sorgen für Ruhe und Ordnung (meistens vergebens) und helfen gegebenenfalls bei der Suche nach Lehrern) "ab in eure Klassen!" "Oh Mariiii...." Nach einer fünfminütigen Diskussion verschwinden wir mit einem Seufzer in unserem Raum, wohl wissend, dass es sowieso noch 10 bis 15 Minuten dauert bis der Lehrer kommt. Pünktlichkeit gehört eben nicht so zu den Stärken der Italiener. In der Klasse ist es laut: Stühle rücken und laute Diskussionen, meistens im Dialekt. Anfangs war das furchtbar anstrengend für mich, 30 Deutsche in einer Klasse sind schon viel, aber die sind nichts gegen 30 Italiener!! Ich war ständig müde und fühlte mich allein; jetzt bin ich mitten drin im Chaos... Ein reines Vergnügen, solange die Vizepräsidentin dich nicht erwischt jedenfalls. Eigentlich liebt sie mich, ihr Sohn ist mein bester Freund und ich bin oft bei ihnen zu Hause, in der Schule allerdings meint sie nur schelmisch: "Tedèèèè? (Deutscheeee) Du bist schon viel zu italienisch!" Das bezieht sich natürlich auf das Chaos, was ich liebend gerne mit veranstalte. Die "Hexe" ist angekommen, eine Lehrerin mit feuerroten Haaren und leicht gehässigem Lachen. Das Chaos verwandelt sich rasch in Müdigkeit und Langeweile. Während sie uns von Dante Alighieri und Michelangelo erzählt, tauschen wir flüsternd die Englischhausaufgaben aus. Als die Stunde endlich vorbei ist, geht es gleich weiter: Pausen gibt es nicht. Die Schüler machen sie sich selber: Im Unterricht wird aufgestanden, auf die Toilette oder zum Snack-Automaten gegangen, der Platz in der Klasse (oft mit möglichst viel Krach) gewechselt und gegessen. Kaugummis sind hier nicht nur erlaubt; auch die Lehrer sieht man häufig mit einem im Mund. Offiziell steht nun Englisch auf dem Stundenplan; es wird nahezu nur italienisch geredet, das Kinderbuch, das wir gerade lesen, versteht außer der Amerikanerin und mir so gut wie niemand, aber das ist auch kein Wunder; die Schüler beschäftigen sich lieber mit den Physikhausaufgaben für die spätere Stunde oder den Plänen für den bevorstehenden Abend. Nächste Stunde: Sport. Die Jungs laufen schon dem Fußball hinterher während die Mädchen sich noch gemütlich umziehen, um nichts weiter als zwei Stunden in Sportkleidung zu verbringen, denn die Mädels sitzen auf den Bänken, nichtstuend, kommentieren vielleicht das Fußballspiel oder unterhalten sich über Highheels, Nagellack und Jungs - manche ziehen sich daher gar nicht erst um. In Physik stehen mündliche Prüfungen auf dem Programm; während ein bis drei Schüler sich bemühen, sich an alles Gelernte zu erinnern, machen die anderen umso mehr Unruhe, reden und lachen. Danach geht es ins Labor: wie jeden Samstag experimentieren wir mit dem Mikroskop, keiner versteht etwas doch am Ende müssen die Protokolle abgegeben werden; jeden Samstag werden sie benotet. Um eins klingelt es endlich: Alle, die den Bus nehmen müssen, haben jetzt Schulschluss. Die anderen müssen noch 20 Minuten länger aushalten. Ich packe meine Sachen zusammen, gebe meiner Freundin einen Kuss auf die Wange und hetze zum Ausgang; endlich geht?s Heim, das Mittagessen wartet auf mich.

 

Zu Hause angekommen werde ich schwanzwedelnd von unserer Hündin begrüßt. Nach einer ausgiebigen Streicheleinheit folgt sie mir in die Küche, wo die Pasta schon fertig auf dem Tisch steht. Das ist kein Gerücht ? Pasta gibt es wirklich jeden Tag! Am Tisch sitzen wir alle zusammen und erzählen von unserem bisherigen Tag ? Mittagessen ist die wichtigste Mahlzeit hier. Es wird besonders viel Wert darauf gelegt, dass alle zusammen essen, um danach wieder getrennten Tagesabläufen zu folgen. Alessandra erzählt, wie fast jeden Tag, von einem Verrückten aus ihrer Klasse und wir beschweren uns gemeinsam über die vielen Hausaufgaben, Arbeiten und mündlichen Prüfungen. Falls er nicht schon läuft, wird um halb drei der Fernseher eingeschaltet (wir erfüllen das Klischee nicht; beim Essen ist der Fernseher meistens aus; damit sind wir aber auch eine der wenigen Familien ...) Die Simpsons schaue ich mir liebend gerne an: Die unterschiedlichen Sprecher haben den jeweiligen Akzent ihrer Heimatstadt. Ja, Dialekte gibt es hier wie Biere in Deutschland! Jede Region hat ihren eigenen Akzent und jede Stadt ihren Dialekt! Das Dorf, in dem ich wohne zum Beispiel, liegt 18 km von der Stadt, in der ich zur Schule gehe, entfernt ? der Dialekt ist ganz anders! Ich verstehe mittlerweile alle beide, bin aber noch fleißig am Üben, Sprechen ist nämlich gar nicht so einfach. Die Simpsons sind vorbei, Aless ist auf dem Sofa eingeschlafen. Draußen sind 30° C und strahlender Sonnenschein. Ich lege mich mit einem Buch und Musik auf die Dachterrasse. Das Handy darf aber auf keinen Fall fehlen; ich bin eben auch italienisch geworden. 100 SMS am Tag sind keine Seltenheit mehr und zwei Handys habe ich nun auch schon. Schrecklich, man kann sich doch auch einfach treffen und reden? Klar. Tut man dann abends. Aber der Klatsch vom Nachmittag ist am Abend schon wieder vergessen. Nach einigen Buchseiten, 3 Liedern und einem Nickerchen in der Sonne mache ich mich gegen 17 Uhr auf in die Nachbarstadt; meine Freunde warten schon! Der Treffpunkt ist wie immer die "Villa" (der Park). Diesen, und eine "Piazza" findet man in jeder Stadt hier. Das sind oft die all-abendliche Sammelpunkte, man sitzt beisammen, bummelt durch die Straßen in der Umgebung (die Geschäfte sind oft noch bis spät abends geöffnet, Bars, Pizzerias und Eisdielen schließen im Sommer gegen 4 Uhr nachts), oder geht etwas Essen (dass man etwas Trinken geht, zum Beispiel Cocktails, habe ich noch nie erlebt). Heute Abend ist es noch schön warm und auch als die Letzten mit 1 ½ Stunden Verspätung ankommen, bleiben wir im Park auf dem Rasen liegen. Um Neun stelle ich, wie jeden Abend, mit Erschrecken fest, dass es schon Neun ist; mein letzter Bus nach Hause fährt in zehn Minuten. Und wie jeden Abend verfluche ich mein winziges Dorf und den schlechten Busverkehr.

 

Nach der 20-minütigen Busfahrt auf dem Weg von der Haltestelle nach Hause halten zwei Jungs auf der Vespa neben mir an. Zwei Themen, über die man erzählen muss. Die Vespa ist neben dem Fiat Punto das Hauptverkehrsmittel. Alle Jungs, im Alter von etwa 14 bis 80 Jahren haben eine und fahren sie somit jeden Abend stolz durch die Gegend, um bei den Mädchen Eindruck zu machen, und den anderen Kerlen zu zeigen, dass sie aber die schönere Farbe haben. Oh wie gerne hätte ich eine Vespa! Kerle dagegen sind deutlich leichter zu bekommen; Ich weiß nicht was eher stimmt: In Deutschland braucht die Liebe Zeit, oder in Italien besonders wenig? Vielleicht haben sie auch nur einfach mehr Spaß am Flirten, aber das sind eben die italienischen Machos aus unseren Klischees (LEIDER stimmt aber nicht, dass sie alle so gut aussehen!!). Zu Hause angekommen, für heute habe ich meine Ruhe. Mit Mamma Teresa und Papà Vito hocke ich mich vor den Fernseher, Alessandra ist mit ihrem Freund ausgegangen. Gegen zehn fange ich an, davon zu erzählen, wie schön mein Bett doch jetzt wäre, bis Ale aber zu Hause ist, wir uns von unserem Abend erzählt haben, die Schulsachen gepackt und alle Jungsprobleme geklärt haben, ist es sicherlich schon Mitternacht. Und es dauert nicht lange, da macht es dann wieder: "Pip pip pip! Pip pip pip!" ...

 Deike, Italien 2008